Wo leben wir eigentlich?

 Christoph Heins Roman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“

Bad Kleinen, 27. Juni 1993: Mehr als 50 Polizisten sollen die RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams verhaften. Obwohl die Aktion aufwendig vorbereitet wurde, kommt es auf dem Bahnhof des 3000-Seelen-Ortes zu einer wüsten Schießerei. Grams und ein Beamter sterben. Eine Zeugin sagt aus, der verletzte Grams sei von Polizisten mit einem Kopfschuß regelrecht hingerichtet worden. Bundesinnenminister Rudolf Seiters tritt zurück, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl verliert sein Amt. Obwohl Beweismittel verschwinden und die Spuren am Tatort ungenügend gesichert wurden, gibt die Bundesregierung eine Ehrenerklärung für die beteiligten Beamten ab. Bis heute weiß die Öffentlichkeit nicht zuverlässig, was sich auf dem Bahnhof in Bad Kleinen abspielte. Christoph Hein erzählt diese Affäre in seinem neuen Roman aus der Perspektive der Eltern von Grams. Sie heißen bei ihm Zurek und sind in vielen, aber nicht in allen Details ihren historischen Vorbildern nachgeformt. Richard Zurek, der Vater, ist bei Hein ein ehemaliger Schuldirektor, ein kluger, gewissenhafter Mann, der sowohl seinen Beamteneid auf die Verfassung wie auch seine Vaterpflichten sehr ernst nimmt. Hilflos muß er mitansehen, wie sich sein Sohn nach einer ersten ungerechtfertigten Haft politisch immer weiter radikalisiert und schließlich in den Untergrund abtaucht. Jahrelang leben seine Frau und er tagtäglich in der Angst, schon die nächste Nachrichtensendung könnte die Meldung bringen, ihr Kind habe getötet oder sei getötet worden. Als die befürchtete Katastrophe dann schließlich eingetreten ist, bemüht sich der Vater mit allen rechtlichen Mitteln, die Wahrheit über die Vorgänge auf jenem Bahnhof ans Licht zu bringen. Doch trotz zahlreicher eklatanter Ungereimtheiten wird sein Sohn am Ende offiziell zum Mörder des GSG-Mannes erklärt und sein eigener Tod als Selbstmord bezeichnet. „Wo leben wir eigentlich?“ fragt sich Richard Zurek, angesichts des fragwürdigen Abschlußberichts und vermutet, daß sich sämtliche Behörden, von der Staatanwaltschaft bis zum Innenministerium verschworen haben, um die haarsträubenden Mängel dieser Polizeiaktion zu vertuschen. Doch Hein schildert nicht nur Richard Zureks Sicht der Dinge. Die Gegenposition läßt er von Christin, der Schwester des Terroristen vertreten, die ihrem Vater begreiflich zu machen sucht, daß er seinen toten Sohn nicht zum Märtyrer stilisieren darf. Denn der Sohn habe, indem er „Mitglied einer Mörderbande“ wurde und einen völlig unsinnigen Kampf gegen die Bundesrepublik führte, die mißglückte Verhaftung überhaupt erst notwendig gemacht. Der Roman suggeriert also keine Antwort auf die Frage „Wo leben wir eigentlich?“, sondern legt sie den Lesern zur Beantwortung vor. Sie müssen sich anhand der Geschichte und der Argumente der Figuren ihr eigenes Urteil bilden. Im Roman trägt die Terroristin Birgit Hogefeld den Namen Katharina Blumenschläger. Hein spielt so unübersehbar an auf Heinrich Bölls große Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Und wie Böll geht es auch Hein mit seinem Roman nicht in erster Linie darum, ein brillantes Sprachkunstwerk abzuliefern, sondern eine spannende, die Bürger aufstörende politische Geschichte über unsere Gegenwart zu erzählen. Und das gelingt ihm auch. Dieses Buch hat mich eine schlaflose Nacht gekostet, nachdem ich mit dem Lesen begonnen hatte, konnte ich es vor dem letzten Satz nicht zuschlagen. So weit die politische Seite des Romans. Daneben ist „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ auch eine Elegie auf einen zu früh gestorbenen geliebten Menschen. Hein beschreibt den Kummer der Eltern über den Tod ihres Sohnes mit anrührender Intensität. Er verzichtet hierbei auf große Auftritte theatralischer Verzweiflung, sondern beschränkt ganz auf kleine, aber um so glaubwürdigere Gesten des Schmerzes. Erst vor wenigen Jahren ist Christoph Heins Frau gestorben. Daß er den langen, leidvollen Weg der Trauer aus eigener Erfahrung nur zu gut kennt, ist fast auf jeder Seite dieses Buches zu spüren.

Christoph Hein: „In seiner frühen Kindheit ein Garten“. Roman Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005 250 S., 17,90 €

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