„Gruppe 47“

Das literarische Trainingslager der Republik in einer Monographie

Autoren-Klubs, -Kreise, -Cliquen oder -Gruppen werden in der Literaturgeschichte schnell von Legenden umrankt. Zum einen, weil deren Mitglieder professionelle Animateure der Fantasie sind und nur zu gern Geschichten in die Welt setzen, in denen sich Dichtung und Wahrheit schwer trennen lassen. Zum anderen, weil wohl jede derartige Gemeinschaft beim Beobachter unbewußt mit dem Mythos der ritterlichen Tafelrunde von König Artus verschmilzt, die für die Leser den heiligen Gral einer gültigen Weltdeutung hütet. Um nicht blind Legenden fortzuspinnen, sollte man sich folglich bei der Beschäftigung mit Schriftsteller-Zirkeln gründlich der historischen Fakten versichern. Die Gruppe 47 ist zweifellos die wichtigste und wirkmächtigste Autorenvereinigung der deutschen Nachkriegsliteratur. Heinz Ludwig Arnold hat ihre Geschichte jetzt übersichtlich erzählt. Er orientiert sich dabei eng an einem beim Hörverlag in München erschienen Hörbuch, das er von zwei Jahren veröffentlichte, und für das er wertvolle akustische Dokumente aus Radioarchiven barg. Alles begann 1947 bei Füssen, als der Schriftsteller Hans Werner Richter eine handvoll Autoren einlud, sich gegenseitig ein Septemberwochenende lang aus ihren Manuskripten vorzulesen. Danach kritisierten die Anwesenden das Gehörte offen, aber noch recht unbeholfen. 1958 erlebte Günter Grass mit seiner bejubelten Lesung aus der noch unveröffentlichten „Blechtrommel“ bei einer Tagung der Gruppe die Initialzündung zu seiner Weltkarriere. Spätestens von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich die Gruppentreffen zu einer entscheidenden Instanz des deutschen Literaturmarktes. Die Kritiker Walter Höllerer, Walter Jens, Joachim Kaiser, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki saßen in den Lesungen und brannten, kaum war der letzte Satz verklungen, prächtige Beurteilungs-Feuerwerke ab, die über Wohl und Wehe manches Buches entschieden. All diese Fakten breitet Arnold materialreich und anschaulich aus. Doch bei deren Analyse hält er sich auffällig zurück. Das ist schade, denn die Gruppe 47 war mehr als ein Trainingslager für Schriftsteller und Kritiker. Obwohl sich ihr Chef Hans Werner Richter darum bemühte, politische Diskussionen bei den Tagungen zu vermeiden, entwickelte sich die Gruppe 47 zu einer Art Katalysator für das vorherrschende Bewußtsein der Nachkriegsrepublik. Die meisten der Autoren empfanden sich als „Nonkonformisten“, die gegen das schnelle bundesdeutsche Wohlstandglück opponierten. Aber waren sie das wirklich? Wenn Alfred Andersch etwa in den ersten Jahren den amerikanischen Materialismus kritisiert, schwingt in seinen Argumenten noch viel vom pseudoidealistischen Nazi-Jargon mit. Die sozialistischen Diktaturen des Ostblock wurden von den 47ern stets verurteilt, die sozialistische Theorie jedoch, wie von der beginnenden Studentenbewegung, schwärmerisch gefeiert. Der Holocaust avancierte für die Schriftsteller der Gruppe, genauso wie für das ganze Land, erst mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozeß zu einem vordringlichen Thema. Vielleicht war die Gruppe 47 weder intellektuelle Opposition noch geistige Avantgarde der Bundesrepublik, sondern schlicht ein Modellfall ihrer Entwicklung. Wer wären dann aber die wahren literarischen Nonkonformisten der Nachkriegsgesellschaft gewesen?

Heinz Ludwig Arnold: „Die Gruppe 47“ Rowohlt Verlag, Reinbek 2005 160 S., 8,50 €

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