Gespräch mit Robert Gernhardt über Heinrich Heine, dessen Hass, das Vorurteil die Deutschen seien unkomisch sowie die Frage, weshalb es leichter ist, in großen Städten witzig zu sein

Uwe Wittstock: War Heine ein komischer Dichter?
Robert Gernhardt: Dieser Begriff führt in die Irre. Heine war ein Dichter, der auch komische Gedichte geschrieben hat, aber kein komischer Dichter. Das trifft auf die meisten der in Deutschland populären Dichter des Komischen zu. Auf Heine, Wilhelm Busch, Morgenstern oder Ringelnatz. Von allen gibt es auch Gedichte, die dezidiert nicht zum Lachen sind. Aber Heine war imstande, selbst auf dem Kranken- oder Sterbebett noch ungemein komische Verse zu finden. Das lange Gedicht zum Beispiel, in dem er sich Gedanken macht über die Körperteile des Menschen: „Gott gab uns nur einen Mund,/ Weil zwei Mäuler ungesund./ Mit dem einen Maule schon/ Schwätzt zu viel der Erdensohn.“
Wittstock: Im Zirkus heißt es oft, außerhalb der Manege sei der Clown der Traurigste von allen. Trifft dieses Vorurteil auch auf Heine zu? War dieser oft komische Dichter ein Melancholiker? Gernhardt: Heine ist nicht als komischer Autor angetreten. In seiner frühen Sammlung „Buch der Lieder“ sind die komischen Einlagen und Einwagen ja noch relativ gering. Er beginnt als Dichter eher auf der Leid- und Wehmuts-Schiene. Erst mit der Zeit wird er dreister. Auch bei der Wahl seiner Reime: Der Germanist Wilhelm Solms hat gezeigt, daß der junge Heine recht konventionelle, „süße“ Reime benutzte, der ältere Heine dagegen „Philozopf“ auf „Hirsetopf“ reimte, und „Mozart“ auf „Rotznas“. Letzteres ist ja nur noch eine Assonanz, das kann man wohl nicht mehr Reim nennen. Mir ist jedoch aufgefallen, daß im Gegenzug Heines Metrik immer raffinierter wird. Zu Anfang sind seine Gedichte fast durchgängig vierhebig, später dichtet er abwechslungsreicher, was seine Gedichte natürlich viel lesbarer macht und gelenkiger.
Wittstock: Wenn Heine in seinem Leben so viel Grund zur Verzweiflung hatte, woher kommt seine Begeisterung für komische Effekte? Gernhardt: Ich glaube, Heine wollte sich immer zwischen alle Stühle setzen. Das war bei ihm habituell. Wenn er seine Leser in einem Gedicht mit einem rührenden Effekt gepackt hatte, dann stach ihn der Haber und er ließ den gefühlvollen Zeilen gleich die witzige Farce folgen. Das zieht sich durchs ganze Werk. Es kommt mir vor, als hätte Heine daraus geradezu ein Konzept gemacht. Er wollte nicht zu fassen, nicht festzulegen sein. Solange er in Deutschland lebte, galt er als Linker. Dann ging er nach Paris und legte sich dort mit den Linken an, mit Börne und dessen Kreisen. Er wollte sich von ihnen nicht vereinnahmen lassen, wollte nicht dazugehören, sondern als Artist Distanz zu den Nicht-Künstlern halten. Und für dieses Ziel, nicht gestellt werden zu können, sind Ausflüge ins Komisch natürlich nützlich. Die bringen alle Festlegungen oder Zuordnungen sehr effektiv durcheinander.
Wittstock: „Und wenn das Herz im Leib ist zerrissen,/ Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen,/ Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen.“ Schreibt Heine. Warum bleibt uns, wenn das Herz zerrissen ist, doch das Lachen?
Gernhardt: Das ist vermutlich die letzte Möglichkeit, die dem Menschen gegeben ist, aus all seinem Unglück noch einen irgendwie gearteten Lustgewinn zu ziehen. Heine hat das vorgelebt. Er hat auf dem Krankenbett verzweifelte Briefe geschrieben und daneben ein Gedicht wie „Vermächtnis“, in dem er seine Krankheiten testamentarisch an seine Feinde verteilt. „Diese würdgen, tugendfesten / Widersacher sollen erben / All mein Siechtum und Verderben,/ Meine sämtlichen Gebresten.“ Ein wunderbar komischer Einfall, und ich hoffe, daß er auch selber darüber hat lachen können. Ob diese Haltung ein Vorbild sein kann für jeden von uns, für die Menschheit als solche, vermag ich nicht zu sagen. Als ich vor meiner Herzoperation in den Fahrstuhl zum OP geschoben wurde – schon unter Einfluß von Narkosemitteln – waren meine letzten Worte: „Bei so schönem Wetter sollte man eigentlich im Freien operieren“. Alle lachten und mir schwanden die Sinne. Das hätten meine allerletzten Worte sein können. Glücklicherweise ging die Sache gut aus.
Wittstock: Heine hatte nicht nur viel Witz, sondern er hatte auch ein große Begabung zum Haß. Wie geht das zusammen: Heine, der Ironiker und Komiker mit Heine, dem Polemiker?
Gernhardt: Er war kein Humorist. Er hat seine komische Kraft eingesetzt, um Ziele zu erreichen. Das konnte für ihn auch bedeuten: Kämpfe auszufechten und seine Gegner lächerlich zu machen. Wittstock: Eigentlich müssten es die vergnüglichen Dichter doch leichter haben beim Publikum als die traurigen. Doch Heine hatte es nie leicht mit den deutschen Lesern. Warum? Gernhardt: Hatte er es wirklich so schwer? Das „Buch der Lieder“ war wohl der erfolgreichste deutsche Gedichtband des 19. Jahrhunderts. Seine „Reisebilder“ sind viel gelesen worden. Als Korrespondent in Paris erklärte er in seinen Artikeln A) den Franzosen die deutschen Zustände und B) den Deutschen die französischen. Ich glaube, er hat sich immer dann Feinde gemacht, wenn er sich nicht nur mit seinen üblichen Gegnern anlegte, den Völkischen, den Reaktionären, sondern – wie im Fall Börne – auch noch mit dem eigenen Lager. Man muß sich das so vorstellen, als wenn zu Franz Josef Strauß’ Zeiten plötzlich ein bekannter Linker Thesen vertreten hätte, die auch ein Strauß hätte unterschreiben können. Dann wäre dieser Linke doch sofort heftig gezaust worden und man hätte ihm vorgeworfen, er riskiere den Beifall von der falschen Seite. Dieses Lagerdenken war zu Heines Zeiten sicherlich noch ausgeprägter. Dazu gab er sich als Anhänger Napoleons zu erkennen, weil der viel für die Emanzipation der Juden getan hatte. Im Bewußtsein der Deutschen aber war Napoleon in erster Linie der Eroberer und Besatzer. So macht man sich keine Freunde. Und zu allem Überdruß galt er auch noch als unzüchtiger Libertin.
Wittstock: Warum ist Heine heute so beliebt?
Gernhardt: Ja, inzwischen wird er von allen gelobt. Aber wenn er heute wieder erstände, würde sich das mit Sicherheit rasch ändern. Biermann und Rühmkorf, Reich-Ranicki und Raddatz sind sich untereinander nicht gerade grün, aber jeder für sich ist ein Heine-Liebhaber. Wenn Heine heute lebte und schriebe und einer der Genannten böte ihm Anlaß für eine Polemik, würde er wohl nicht zögern und loslegen. Dann bekäme diese Heine-Begeisterung möglicherweise bald die ersten Risse. Auch bei mir natürlich, sollte ich Opfer sein. Heute kostet es nichts mehr, Heine zu mögen, er kann einem nichts mehr tun.
Wittstock: Sie haben mal nach den „Smash-Hits“ der deutschen Lyrik gefragt, also nach Gedichten, die sich wie Schlager ins Sprachbewußtsein der Deutschen eingeprägt haben. Gibt es außer „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ solche lyrischen Smash-Hits von Heine?
Gernhardt: Da ist einmal der „süße“ Heine: „Leise zieht durch mein Gemüt / liebliches Geläute…“ Und jeder gebildete Deutsche glaubt den politischen Heine zu kennen: „Denk ich an Deutschland in der Nacht,/ bin ich um den Schlaf gebracht“! Ein echter Hammer-Satz. Der hat sich allerdings auf Grund eines Mißverständnisses festgesetzt, denn Heine dachte nicht an die politischen Zustände in seinem Vaterland, sondern an seine alte Mutter. Wittstock: Heines Gedichte sind voller wunderschöner Mädchen, in deren „Herzchen keine Liebe glüht“. Die Biographen vermuten, daß der charmante Heine tatsächlich nur wenig Grund hatte, sich über mangelnden Erfolg bei den Frauen zu beschweren. Woher kommen in seinen Gedichten diese vielen Bilder der Zurückweisung? Gernhardt: Möglicherweise weil er die beiden großen Zurückweisungen, die am Anfang standen, nicht verkraftet hat. An seine angeschwärmten Kusinen Amalie und Therese, die Töchter seines reichen Onkels, ist er ja nicht rangekommen. Aber es gibt natürlich noch einen handwerklichen Grund: Man kann aus dem Unglück weit mehr poetischen Stoff ziehen, als aus den Glück. Das trifft ja nicht nur für die Literatur zu, sondern für alle Lebensbereiche. Wenn man aus dem Urlaub zurückkommt und erzählt: Hotel war spitze, Wetter toll, Essen super, dann will das keiner hören. Aber wenn einem ein Tsunami dazwischen kommt, stellen die Leute die Lauscher auf.
Wittstock: Heine war Berufsschriftsteller, er hat vom Schreiben gelebt. Daß hat ihn zu vielen Gelegenheitsgedichten oder journalistischen Auftragsarbeiten gezwungen. Hat das seinem Werk geschadet?
Gernhardt: Ich behaupte, nein. Er ist auch in dieser Hinsicht vorbildlich. Er hat die Grenzen zwischen Literatur oder Journalismus einfach nicht akzeptiert. Es gibt ja diese merkwürdigen manichäischen Behauptungen: Wer journalistisch schreibt, verdirbt sich seinen Stil und kann nicht mehr poetisch schreiben. Oder: Wer einmal komisch dichtet, ist für ernste Themen auf immer verloren. Darum hat sich Heine nie gekümmert, glücklicherweise, und deshalb ist es nach wie vor eine Freude, Heine zu lesen. Er war nun mal ein sehr beweglicher Geist und er ist bis heute auf keiner Seite langweilig. Wittstock: Oft wird der deutschen Literatur nachgesagt, sie sei ernst, trocken und humorfern. Trifft dieses Vorurteil überhaupt zu? Heine paßt zumindest nicht in dieses Schema.
Gernhardt: Nein, es trifft nicht zu. Heine steht ja keineswegs allein. Er bezog sich auf Lessing, der keinem Streit aus dem Weg ging und dabei auch seinen Witz einsetzte. Aber er hätte auch Lichtenberg nennen können, dessen Witz noch heute zündet. Auch Gellert und selbst Goethe haben komische Gedichte geschrieben, die heute noch zum Lachen sind. Und nach Heine hört die Reihe der deutschen Dichter nicht mehr auf, die komische Wirkung anstreben und auch erzielen: Auf Heine folgt Wilhelm Busch, dann Morgenstern, dann Ringelnatz, dann Tucholsky, dann Brecht, dann Kästner, dann Jandl. Nein, die komische Lyrik zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Literaturgeschichte der letzten 250 Jahre. Wittstock: Woher rührt dann dieses Vorurteil, deutsche Schriftsteller seien so unkomisch? Gernhardt: Es werden die falschen Fragen gestellt. Es wird gefragt: Haben die Deutschen solche einen komischen Roman wie den „Don Quixote“? Haben sie Lustspiele wie die von Moliere oder Shakespeare? Aber nach den komischen Gedichten fragt keiner. Außerdem gibt es in der deutschsprachigen Literatur durchaus ein paar Lustspiele: von Nestroy, von Raimund. Daß es darüber hinaus nicht allzu viele sind, liegt wohl daran, daß Deutschland lange Zeit so zersplittert war und keine Metropole hatte. In einer Metropole treffen Information, Zeitgeist, Geld, Widersprüche, anspruchsvolles Publikum zusammen, das ist gut für Komik.
Wittstock: Es ist leichter, in großen Städten witzig zu sein als in kleinen?
Gernhardt: Ja, um höchstes literarisches Komik-Niveau in großen Formen, im Lustspiel oder im Roman zu erreichen, ist eine gewisse Urbanität vonnöten. Nestroy hatte Wien, Moliere Paris, Shakespeare London. Der Autor beobachtet mehr, hat mehr Anregungen, das Publikum ist aufgeschlossener. In großen Städten prallen die Gegensätze überall und prächtig aufeinander. Und daraus lassen sich dann natürlich leichter komische Funken schlagen. Kein Wunder, daß Heine nach Paris ging, kein Wunder, daß Wilhelm Busch sein bestes und welthaltigstes Buch, „Die fromme Helene“, in Frankfurt geschrieben hat – und daß er, als er in die niedersächsische Provinz zurückging, nichts Vergleichbares mehr zustande gebracht hat.

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